Leipziger Buchmesse 2014
13. — 16. März 2014
Logo Präsenz Schweiz

E. Y. Meyers Trubschachen

Schauplatz

«Bevor man sich, gleich nach dem Kartenkauf, früher als sonst zum Abendessen ins Säli begibt, trinkt man in der Gaststube ein großes Bätzi und ein großes Felsenau-Bier und studiert die eben gekaufte Wanderkarte, die man zusammen mit den Ansichtskarten in dem Papiersack der Papeterie und Buchhandlung aus seinem Zimmer, in dem man Mantel, Halstuch und Pelzmütze abgelegt hat, wieder mit hinuntergenommen hat. Trotz des Eins-zu-fünfzigtausend-Maßstabes ist praktisch alles, was einem auf den bisher unternommenen Spaziergängen an landschaftlichen Merkmalen aufgefallen ist, auf der Karte eingezeichnet, der Bahnübergang, die Brücke über die ‹Trueb›, wie der Trubbach angeschrieben ist, die Kirche und der anschließende Friedhof, der Bahnhof, die Holzbrücke über die Iflis, die bei der Höhenzahl 728 gelegenen Bauernhäuser, Wohnstöcke und Speicher, der Wald oberhalb des gegen Bärau Lagnau zu gelegenen Teiles von Trubschachen, das Kurhaus Bäregghöchi, der Weiler Habbach... Nach zwei Tellern OCHSENSCHWANZSUPPE, RISOTTO mit PICCATA und RANDENSALAT, wobei man bis auf die Suppe, von der eine ganze Schüssel voll serviert wird, wie bisher alles, ohne Reste übrig zu lassen, aufgegessen hat, merkt man zum ersten Mal, dass man sich vor dem Essen in dieser Umgebung in acht nehmen muß, wenn man nicht ernsthafte Folgen in Kauf nehmen will (...).»

E. Y. Meyer: In Trubschachen (1973)

Zu Roman und Autor

Sensation im Bücherherbst 1973: Kein Geringerer als Suhrkamp-Chef Siegfried Unseld verkündete euphorisch: «Das Emmental kann und wird niemals mehr eine so detaillierte Darstellung erhalten.» Mit seinem Roman «In Trubschachen» katapultierte E. Y. Meyer (geb. 1946) die unscheinbare Emmentaler Gemeinde auf die weltliterarische Karte, sehr zum Missfallen der Einwohnerinnen und Einwohner…
Meyer beschreibt Dorfgeschehen und Dorfatmosphäre in den Tagen um den Jahreswechsel, mitten drin, aber eben doch nur als Gast, als Fremder. Das liebliche Emmental verwandelt sich unter seiner Feder in ein fremdes Territorium, in ein «Tal des Todes», und auf seinen Spaziergängen durch die winterliche Landschaft (wie «unter einem Leichentuch») erkennt der Erzähler Anzeichen von Verwesung. «Das Heimelige, mit detailversessener Präzision beschrieben, offenbart seine unheimliche Seite» (Alexander Sury).
Der Unwille, der ihm aus Trubschachen entgegenschlug, auch eine Vorladung zu einer Vernehmung, weil er im Roman den genauen Standort einer im Bau befindlichen militärischen Anlage schildert – all das veranlasste Meyer später, die Erzählung «Die Erhebung der Romanfiguren» zu schreiben, welche die Reaktionen auf den Trubschachen-Roman zum Thema macht.
Mit dem Trubschachen-Roman ist E. Y. Meyer vor über vierzig Jahren berühmt geworden. Doch die Schaffenskraft des mehrfach preisgekrönten Autors ist ungebrochen. Wer einen Blick in sein aktuelles Werk werfen will, dem sei der 2012 erschienene Roman «Wandlung» empfohlen: Ein Club von dreizehn Männern sucht innerhalb der Schweiz dreizehn Orte bedeutender Ereignisse auf, von Rousseaus Petersinsel im Bielersee bis zu Huttens Insel Ufenau. Entlang dieser Perlenkette von Schweizer «lieux de mémoire» spannt sich ein zeitgeschichtliches Panorama auf. (BP)

© Schweiz Tourismus
Zum Ort

Trubschachen, 1'400 Einwohner, liegt am Zusammenfluss von Trueb und Ilfis, zwischen dem Emmentaler Hauptort Langnau und der Kantonsgrenze zum katholischen Luzern, und unterhalb des Napfgebiets, wo das Emmental am urchigsten ist. Weiter oben, im Trub, stand früher ein im 12. Jahrhundert gegründetes Kloster, zuoberst auf dem Gipel des Napf (1408 m ü. M.) haben Wanderer eine der schönsten Aussichten des Voralpengebiets. Die Gaststätten heissen hier «Hirschen» und «Bären». Serviert werden «Bernerplatten» und «Merängge». Geheimtipp: Der Ladenverkauf der Kambly-Biskuitfabrik.